Die Piraten und der PiratLB
Ein gesten veröffentlichter Open Letter „Appell zum Handeln“ eines Mitglieds der Piraten Berlin ist derzeit im Umlauf. Hier werden schwere Vorwürfe gegen ein Mitglied der Berliner Piraten erhoben. Es steht ausser Frage, dass diese Behauptungen – sollten diese sich als Tatsachen herausstellen – geahndet werden müssen und die betreffende Person zur Verantwortung gezogen werden muss.
Hier wird eine Person zu einem „Super-Nerd“ stilisiert, die es cool findet nach zwei Stunden Frickelei in der PHP-Conf einen Klammerfehler zu finden. Nach kurzer Rücksprache mit kompetenten Kolleginnen oder Kollegen hätte man rausfinden können, dass diese Person technisch nicht so gefährlich sein kann, wie aus den Angebereien vermutet. Enno hat den technischen Background schon etwas näher erläutert. Ausser Frage steht, dass es illegal ist, sich fremde Daten anzueignen. Sei es technisch kompliziert oder trivial nur durch vergesse Netzfreigaben.
Der Shitstorm
Es ist, wie erwartet, ein Shitstorm losgebrochen. Nach wenigen Minuten waren Klarnamen, Twitter-Account publiziert und ein Twitter-Fake Account mit Foto eingerichtet. In Anbetracht dessen und das es sich bei der betreffenden Person um einen 16 jährigen handelt, halte ich diese Vorgehensweise mehr als bedenklich. Der Verfasser des „Open Letters“ ist schließlich 12 Jahre älter, da erwarte ich ein wenig mehr Fingerspitzengefühl, als eine öffentliche Demontierung zu forcieren.
Als eine der Ersten hat sich auch Anke Domscheit-Berg geäußert und dem Verfasser Rückgrat zugesprochen und den Hut gezogen. Frau Domscheit-Berg ist eine Verfechterin der Transparenz, hier bin ich ganz bei Ihr – aber bitte Transparenz von Fakten und nicht von Vermutungen oder nicht belegten Behauptungen.
Ich kann durchaus von einer Partei(!), die mit fast 9% in das Berliner Landesparlament gewählt wurde, verlangen, dass eine solche interne Problematik professioneller gelöst werden kann. Es gibt Mittel und Wege dies im Vorfeld nicht in der Öffentlichkeit zu tun.
Netzkompetenz
Die Netzkompetenz der Shitstormer ist gleich null. Die meisten geistigen Ergüsse die man unter dem Hashtag #piratLB findet, sind keinen Kommentar wert und selbsterklärend in Sachen sozialer Kompetenz. Netzkompetenz erfordert soziale Kompetenz, sprich die Einhaltung gewisser moralischer Werte. Diese sind bei einigen in dem Feed wohl abhanden gekommen. Das ist sehr ernüchternd, da doch gerade die Piraten und Ihre Anhänger sich Netzkompetenz auf die Fahnen geschrieben haben.
Landesvorstand der Piraten
Der Landesvorstand der Piraten hat sich zu dem Thema dann des nachts in einer Stellungnahme geäußert. „Die Aufklärung von Straftaten obliegt weder der Netzgemeinde noch kann sie durch Parteiorgane erfolgen.“ Die öffentliche Demontierung eines 16 jährigen führt die Netzgemeinde gerade durch, es fehlt ein kritisches Wort zu diesem Sachverhalt. Sicher handelt es sich um kein Kavaliersdelikt, sollten die Straftaten bewiesen werden. Die mutmaßlichen Nötigungen und Erpressungen sind durch entsprechende Strafanzeigen aufzuklären. Auch habe ich Mitgefühl für die Opfer, aber das Fingerspitzengefühl fehlt völlig und die Veröffentlichung eines Open Letters ohne die Situation im Vorfeld intern zu lösen ist höchst unprofessionell – gerade in Bezug auf die Minderjährigkeit der betreffenden Person.
Aber vielleicht hätte die Fraktionsvorsitzende Fraktionsgeschäftsführerin der Berliner Piraten es eleganter lösen können, wenn man anstatt Jupiter Pluto integriert hätte?









Kannst Du Dein Verständnis von “Webkompetenz” mal definieren?
Da du dir die Stellungnahme des Vorstandes richtig durchgelesen hast, ist dir sicher aufgefallen, das dort von Schlichtungsgesprächen die Rede ist. Es wurde offenbar versucht intern zu klären.
Sorry, meinte natürlich “Netzkompetenz”.
My bad.
Netzkompetenz bedeutet für mich den selbstverständlichen Umgang mit dem Medium Internet. Die technische Ausprägung ist bei jedem unterschiedlich, sollte aber m.E. in gewissen „Basics“ vorhanden sein. Dazu kommt noch die soziale Komponente. Auch im Netz sollten Respekt und gewisse moralische Werte in der Kommunikation gewahrt sein.
@Inge: Ja, das habe ich gelesen. Nun muss man sich fragen warum gescheiterte Schlichtungsgespräche in einen öffentlichen „Appell zum Handeln“ münden? Das sollte ein Parteivorstand nicht in dem Maße aus dem Ruder laufen lassen. Hier hätten Gespräche mit den mutmaßlichen Opfern und darauf folgende Strafanzeigen zur Aufklärung beigetragen. War man so hilflos?
Ich schreibe hier anonym, auch aus Bedenken vor “Racheakten” die ich schon aufgrund freier Meinungsäusserung erfahren habe.
Der Punkt ist der: Wann ist welches Mittel gerechtfertigt? Die Vergangenheit scheint gezeigt zu haben, dass Versuche auf vernünftiger Ebene das Problem zu klären, nicht fruchten. Gespräche mit dem Betroffenen, und mit seinen gesetzlichen Vertretern scheinen im Sand zu verlaufen. Auch eine rechtliche Betrachtung scheint vorab nicht viel Chance auf Erfolg zu haben. Als “Opfer” – sagen wir besser Betroffener gibt es dann irgendwann nur noch zwei Möglichkeiten. Der Rückzug, und den mutmaßlichen Straftätern das Feld überlassen mit dem Ziel selbst aus dem Schussfeld zu geraten, oder die “Flucht” in die Öffentlichkeit.
Die Piraten sind ein Mob, das ist klar, und als Betroffener muss man sich sicherlich klar sein, welche Auswirkungen ein Bloßstellen des mutmaßlichen Täters hat.
Hilflose Ohnmacht bei Mobbing, Erpressung, Nötigung ist etwas was einige Piraten in der Partei schon erlebt haben, und nicht wenige haben sich zurückgezogen, sind aus der Partei ausgetreten oder haben das soziale Umfeld gewechselt. Nicht nur aus Angst, sondern auch weil die ständige Bedrohung jemanden auf Dauer krank macht. Manche früher, andere später.
Der Gang in die Öffentlichkeit schafft öffentlichen Druck. Ich bin mir sehr sicher, dass es keine Stellungnahme des LV Berlin gegeben hätte, gäbe es den offenen Brief nicht. Ich bin mir auch sicher, dass sich Opfer nicht zu Wort melden würden, wüssten Sie nicht um die Unterstützung der breiten Masse.
Als Betroffener hast du verloren, wenn du niemanden in diesem Umfald hinter dir hast, und das weiß ich aus eigener Erfahrung.
Spielt es eine Rolle dass der mutmaßliche Täter noch nicht volljährig ist? Ja natürlich. Minderjährige genießen vor dem Gesetz einen besonderen Schutz. Leider waren seine mutmaßlichen Taten nicht einmal ansatzweise seinem Alter entsprechend, sondern sind mit einem besonderen Maß an krimineller Energie, mangelndem bis nicht mehr vorhandenen Sozialverständnis und einer Arroganz gegenüber den Rechten der anderen gespickt.
Nein ich habe kein Mitleid mit ihm. Ich bedaure auch nicht den Shitstorm den er nun über sich ergehen lassen muss. Er hatte eine Chance sich zu besinnen. Diese hat er vertan.
@Anonym: Das ist aber gerade eine Armutszeugnis für die Verantwortlichen im LV Berlin der Piraten! Es muss doch entsprechende Ansprechpartner bei einer Partei geben, die sich hinter die mutmaßlichen Opfer stellen.
Da dies mehrfach bekannt war, ist mir unverständlich, dass man nicht ein entsprechenden Beweis in der Hand hatte. Ein erster Ansatz wäre eine Anzeige bzgl. der gegen den Willen veröffentlichten Fotos gewesen.
Die Chance sich zu besinnen hat er vielleicht vertan, aber hier muss man rechtsstaatlich vorgehen und nicht durch die Öffentlichkeit im entferntesten Sinne Selbstjustiz üben.
Nach Deinen Schilderungen ist hier ganz klar die Führung in der Pflicht die Opfer zu schützen und Schritte zur Aufklärung einzuleiten. Und das im Vorfeld.
@Stefan Ich kenne dies nun nur ansatzweise aus dem LV Berlin, aber besonders gut aus einem anderen LV. Betroffene werden von Oben unter Druck gesetzt stillzuhalten, um die Piraten in der Öffentlichkeit nicht zu beschädigen.
Gleiche Argumentation kann man gerade auch von @schmidtlepp auf Twitter verfolgen. SebJabbusch würde mit seinem offenen Brief dem Ansehen der Piratenpartei schaden.
Bist du einmal Opfer hast du eigentlich verschissen. Hälst du still, hat der Täter die Gewissheit dass er mit seinem Konzept durchkommt. Wehrst du dich, wirst du von Oben fertig gemacht.
Es bleibt abzuwarten wie es ausgeht, aber so wie ich das sehe, verlieren die Opfer deutlich an Reputation, wohingegen die Vertuscher weiterhin das (Macht)Ruder in der Hand halten. Und der Täter wird geschützt.
Das von Oben vertuscht und Druck ausgeübt werden soll, hört sich wie eine schlechte Räuberpistole an. Wenn dem so ist, frage ich mich: Wo ist die Basis?
Außerdem wäre nun mehr Schaden durch anfängliche Vertuschung angerichtet worden, als durch stringente Aufklärung.
Nun ist Aufklärung angesagt. Wenn sich diese Straftaten beweisen, müssen auch Verantwortliche der Piraten, die diese Thematik vertuschen wollten, Konsequenzen ziehen. Ansonsten ist die Glaubwürdigkeit gänzlich dahin.
Ich kann die von “Anonym” beschriebene Praxis bestätigen!
@Basispirat: Da ist in der Führung aber etwas oberfaul. Die „Anonymen“ sollten sich organisieren und Fakten sammeln. Leider kann man anonyme Quellen nicht verifizieren, so dass es zu versumpfen droht. Sucht Euch einen Pirat/Person des Vertrauens und sammelt Fakten.
Mit konkreten Daten und Fakten kann man zusammen etwas erreichen.
Die sich abzeichnenden Ausmaße sind sehr schade bis desaströs für eine so junge, enthusiastisch eingeschätzte Partei.
@Stefan: das hat mit der Partei wenig zu tun, das ist ein Kindergarten – bestenfalls ein Zoo verletzter Eitelkeiten.
Die von C. Lauer konstatierte Beschädigung ist Tatsache und schon deutlich zu erkennen.
Das bedeutet nicht, dass ich die Aktion von S. Jabbusch nicht toleriere.
Es wäre Aufgabe des LV gewesen, rechtzeitig intern zu handeln, um die nun erfolgte Beschädigung der Partei in der Öffentlichkeit zu verhindern.
Dass dies nicht gelungen ist rechtfertigt nicht, die Betroffenen weiter zum Schweigen anzuhalten.
Ich empfehle den Beitrag von Monika Belz:
Wie weit kann man gehen